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Beitrag aus der Aktuellen Rundschau

Ein verlorenes Jahr

Sie sind die Ureinwohner Südamerikas, die Wurzeln jedes einzelnen Paraguayers und werden dennoch gesellschaftlich geächtet. Wen interessiert es schon, ob eine Indianerin ein gebrochenes Bein hat und ein Jahr lang nicht ohne Schmerzen gehen kann? Die Aktuelle Rundschau fragt nach.
Von Daniela Poschmann

FOTO 1: Fast am Ziel: Laura de Garcia auf dem Weg in ihr Krankenzimmer. „Ich habe ihm geglaubt”, sagt Laura de Garcia, „er ist ja der Doktor“. Heute, ein Jahr nach ihrem Sturz vom Balkon, ist nichts von dem eingetroffen, was der Arzt aus dem Centro de Emergencias Medicas ihr gesagt hatte. Ihr Bruch ist weder von alleine ordentlich verheilt, noch kann sie mit dem betroffenen Bein auftreten. Die siebenfache Mutter ist betrübt. Die Hoffnung, jemals operiert zu werden, aber bleibt. Dabei war die Indianerin vom Stamm Yshir in den vergangenen sechs Monaten, nachdem sie den Arzt gewechselt hatte, viele Male in diesem staatlichen Krankenhaus in Asuncion. Sie hat ihr Blut analysieren lassen, Röntgenbilder machen lassen, mit den Ärzten gesprochen, doch eine Operation gab es für sie nie. Platzmangel war stets die Begründung. Dabei musste sie jedes Mal allein für die Fahrt eine Tortur auf sich nehmen. Erst hieß es Geld auftreiben, dann sich von Mariano Roque Alonso aus in die überfüllten Busse quetschen, umsteigen, laufen. Alles mit einem Bein, dessen Knochen falsch zusammen gewachsen sind, gestützt von zwei klapprigen Holzkrücken und ihrem Ehemann Francisco. Immer dabei, ein großer Karton voll mit Schiene, Schrauben, Verbandsmaterial, Spritzen, Schläuchen und Decken – man wollte vorbereitet sein. Manchmal, erzählt Garcia dankbar, habe die anglikanische Kirche sie mit dem Auto abgeholt. Das Gotteshaus war es auch, das sie mit diesen notwendigen medizinischen Utensilien versorgt hat. Wer die stationäre Behandlung nicht zahlen kann, tut gut daran, sich mit dem Wichtigsten selbst zu versorgen. „Die Unterstützung, die wir geben konnten, war minimal“, bedauert Lina Ayala, Mitarbeiterin der Kirchengemeinde. Noch bis vor einem Jahr konnten sie für Fälle wie diesen aus einem extra eingerichteten Fonds schöpfen, doch mit der Pensionierung des bischöflichen Initiators, ging auch er.

Von der Geburt bis zum Tod

FOTO 2: Utensilien-Check: Der Sekretär vom zuständigen Arzt Dr. Ramirez prüft, ob Francisco Garcia alles nötige dabei hat Offiziell sind es die öffentlichen Hospitäler, die sich um solche, mittellosen Menschen kümmern sollten. Das weiß auch der im Erdgeschoss des Emergencias Medicas untergebrachte Sozial-Service. Aber was könne man machen, heißt es, es gebe einfach zu viele Fälle dieser Art. Das INDI, das staatliche Institut für die indigene Bevölkerung, sei Schuld, es mache seine Arbeit nicht. Gemeint ist, es fließt kein Geld. Es erstattet dem Hospital die Operationskosten nicht zurück. Dr. Augusto Fogel kann darüber nur noch lächeln. Er ist der Leiter des INDI und versucht seine Schützlinge so gut es geht zu versorgen, doch mit 100.000 Guarani pro Kopf und Jahr „ist das unmöglilch“, klagt er. Das INDI werde mittlerweile gezwungen, sich um alles zu kümmern, von der Geburt bis zum Tod, dabei sollte es ursprünglich nur gesundheitliche und nicht allgemeine Fälle lösen, so Fogel weiter. Außerdem sei der Rassismus in Paraguay ein großes Problem und mache auch vor den Krankenhaustüren nicht halt: „Die Hospitäler wollen die Indianer nicht kostenlos behandeln. Sie sagen, sie stinken und sind besoffen.“ Die Antwort, es gäbe kein freies Bett, sei lediglich eine Ausrede.

Kein dringender Fall

Eine Ausrede, die sich die Mitarbeiter im Centro Emergencias Medicas in Gegenwart der Presse verkniffen. Als die Aktuelle Rundschau Laura und Francisco Garcia begleiteten, hieß es nur, sie sei halt kein dringender Fall. Auf die Frage, ob es tatsächlich ein Jahr lang kein Bett gegeben hätte, erhielten wir nur ein vielsagendes Lächeln. Das war aber egal. Wichtig war, zum Arzt vorgedrungen zu sein und einen Operationstermin bekommen zu haben. Die nächste Hürde ließ jedoch nicht lange auf sich warten: Die Krankenpfleger auf der Internierungs-Station. Ein Bett solle sie kriegen? Vier Tage vor der OP? Das sei unmöglich, gegenüber sei doch eine Herberge, hieß es. Die Herberge bezahlen, wollten sie allerdings nicht. Doch auch an denen kamen wir vorbei, Laura de Garcia bekam ihr Bett und wurde wenige Tage später operiert. Nun kann sie sich mit ihrem Mann endlich auf den Weg zu ihren Kindern machen, die noch in ihrer Heimat im Chaco in Puerto Diana leben. Doch auch hier stellt sich die allseits präsente Frage „Wie, ohne Geld?“.

© by Daniela Poschmann

 
 
 
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