In kleinen Gruppen gingen sie auf die Jagd, sammelten Nüsse und Früchte und zogen
weiter, wenn das Gebiet nichts Nahrhaftes mehr hergab. Die Indianer des Ayoreo-Totobiegosode-Stammes
lebten in den dichten Wäldern des paraguayischen Chacos als Nomaden, bevor viele von ihnen ab 1979
ungewollt mit der Zivilisation in Kontakt kamen. Heute müssen sie um ihr Überleben kämpfen, da
brasilianische Firmen ihre Wälder und somit ihre Lebensgrundlage mehr und mehr für die Viehzucht
zerstören.
Von Daniela Poschmann
„Ich appelliere an die Behörde, die Zerstörung unseres Waldes zu stoppen. Meine Familie ist
jetzt dort. Dort sind auch unsere Häuser. Wir verlieren unseren Wald,“ fleht Esoi, ein Angehöriger
der Totobiegosode, der selbst erst 2004 kontaktiert wurde und noch Angehörige unter den unkontaktierten
Indianern hat. Nun wurden sein Bitten und die Gesuche einiger Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen
erhört und das paraguayische Umweltsekretariat, SEAM, hat eine Untersuchung eingeileitet und Mitte
November zumindest der brasilianischen Firma Yaguarete Porá S.A., die neben River Plate S.A. den indigenen
Lebensraum vernichtet, die Lizenz zur Nutzung des Waldes entzogen – eine Lizenz, die sich rechtlich in einer
Grauzone bewegt, da weite Teile des beanspruchten Landes längst juristisch den Ayoreo-Totobiegosode
zugesprochen wurden. So stellt etwa das 1998 erlassene Indianerschutzgesetz das Betreten einiger Waldgebiete
im Nordosten Paraguays sowie jede Veränderung der Zonen unter Strafe. Dennoch hat der Stamm alleine in diesem
Jahr rund 6000 Hektar an Firmen verloren, die Weideland brauchten. 550.000 Hektar stehen ihm gesetzlich zu.
Jonathan Mazower der Organisation Survival International sehr deutlich dazu: „Das Land, das nun den
brasilanischen Firmen gehört, war früher im Besitz von Paraguayern. Die verkauften es illegal an die
Brasilianer und sie haben angefangen es abzuholzen, auch illegal.“ Daher und aufgrund der Tatsache, dass es nur
noch wenige, schätzungsweise maximal 40, ursprünglich lebende Ayoreo-Totobiegosode gibt - alle anderen
leben mittlerweile mit Unterstützung von Missionaren oder arbeiten auf Farmen - läuft Survival
International zurzeit weltweit Sturm, versucht die betreffenden Regierungen wach zu rütteln und die Menschen mit
Unterschriftenaktionen zur Mithilfe zu bewegen. Laut der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ in Bonn sind es
nicht nur brasilianische Unternehmen, die die natürlichen Ressourcen vernichten: „Auch Mennoniten haben
bereits eine Schneise in den Wald geschlagen und dadurch eine Totobiegosode-Gruppe vertrieben. Die Mennoniten
versuchten außerdem, durch das Auslegen von Kleidung und Salz Kontakt zu den Indianern aufzunehmen. Dies
alles verstößt gegen das Indianerschutzgesetz, wird aber strafrechtlich nicht verfolgt.“ Das zweite
Problem, das Survival International anprangert, sind die gesundheitlichen Konsequenzen für das Urvolk.
Die Zivilisation brächte Krankheiten mit, gegen die es keine Abwehrstoffe hat. Viele Angehörigen der
Totobiegosode seien bereits daran gestorben. Nicht zu vergessen sei zudem der psychische Schaden, erläutert
Jonathan Mazower, den er bereits bei anderen Indianerstämmen beoachtet hat. Das Empfinden, dass „nicht
einmal das Herzstück ihres Territoriums sicher ist. Die unkontaktierten Totobiegosode werden erschrocken
sein und fliehen,“ so der Kampagnen-Manager.
Die paraguayische Regierung hätte sich bislang jeglicher Verantwortung entzogen, so Mazower weiter. Es
sei kein Geld vorhanden, das Land zurückzuerwerben und die brasilianische Botschaft in Asuncion
unterstütze sogar die Aktivitäten der besagten Unternehmen. „Wir hoffen, dass sich dies mit dem neuen
Präsidenten ändern wird.“ Mit der aktuellen juristischen Entscheidung scheint der erste Schritt getan.
© by Daniela Poschmann |