Die Radiocarbon-Methode - auch hier beschrieben - wird wie die Baumring-Datierung zur
Bestimmung des Alters verwendet. Jedoch kann diese Methode nicht genau das Jahr fixieren.
Dies kann aber die Baumring-Datierung oder die Dendrochrologie. Schon in den Tagebüchern
von Leonardo da Vinci (* 15. April 1452 in Anchiano bei Vinci; † 2. Mai 1519 auf Schloss Clos
Lucé, Amboise) gibt es einen Hinweis, dass es möglich ist, an Baumringen trockene
und feuchte Jahre abzulesen.
Mit der Methode der Auswertung von Baumringen kann das Alter von versunkenen Wäldern
oder von Torfmooren exakt bestimmt werden. Der Erfinder dieser Methode war Andrew Ellicott
Douglass, der das Prinzip bereits um 1913 entwickelt hatte. Der Physiker und Astronom und
Direktor des Steward Observatory an der University of Arizona beobachtete eigentlich die
Sonnenflecke und stellte dabei fest, dass sie auf das Klima der Erde Einfluß nehmen.
Alle elf Jahre, wenn Sonnenflecke auftreten, gibt es auf der Erde viel Sturm und Regen, dessen
Feuchtigkeit auf die Pflanzenwelt sinkt.
Baumringe sind nicht gleich - mal sind sie breit und mal sind sie schmal. Oft folgen vielen
breiten wenige schmale Baumringe und umgekehrt, aber auch die Farbe der Baumringe ist
unterschiedlich. Dicke Ringe sind die fetten und schmale die mageren Jahre. An Hand eines
frisch abgesägten Baumes und den Wetterberichten der letzten Jahre bestätigten sich
für Douglass diese Vermutungen. Somit konnte er nun an einem zweihundert Jahre alten Baum
das Wetter der letzten 200 Jahre einer Gegend exakt bestimmen.
Andrew Ellicott Douglass stellte tatsächlich den Zusammenhang zwischen Sonnenflecken und
dem Wachstum der Bäume fest. Bei Untersuchungen in Arizona allerdings fiel ihm auf, dass
zwischen 1650 und 1725 n. Chr. eine 75-jährige Trockenheit geherrscht haben muß.
Gab es in dieser Zeit keine Sonnenflecken ? Der Astronom E. Walter bestätigte dieses
Phänomen der Sonnenflecken.
Seine Untersuchungen hatte Douglass an Nadelbäumen in Arizona durchgeführt, doch er
kam bei seinen Recherchen in die Vergangenheit nur bis zum Jahr 1450 - ältere Bäume
fand er nicht.
Clark Wissler vom American Museum of Natural History in New York half ihm 1914 mit alten Proben.
Es wurden Holzbalken vom prähistorischen Pueblo Bonito in New Mexico unter die Lupe
genommen, doch Douglass wollte noch ältere Proben.
Andrew Ellicott Douglass hatte auch seine Untersuchungsmethode verbessert. Er benötigte
nicht mehr eine Ganze Baumscheibe, sondern nur noch ein sogenanntes core - eine acht Millimeter
dicke Bohrung bis zur Mitte des Stammes oder Balkens - diese Röhre birgt einen Querschnitt
durch alle Jahresringe und verursacht keinen nennenswerten Schaden am lebenden Baum. Eine
schwedische Familienfirma fertigte einen entsprechenden Zylinderhohlbohrer mit einer
superscharfen Schnittkante an.
Nun schrieb Douglass Archäologen an, die im Südwesten gerade mit Ausgrabungen
beschäftigt waren, um so viel wie möglich Material zu bekommen. Earl H. Morris, der
an den Aztec-Ruinen arbeitete, und Neil Judd, der am Pueblo Bonito grub, schickten Material.
Die Auswertung ergab, dass beide Groß-Häuser etwa zur gleichen Zeit entstanden
waren - in vor-spanische Zeit - und der letzte Balken von Pueblo Aztec neun Jahre vor dem
letzten von Pueblo Bonito geschlagen worden war.
Diese Präzision der Auswertung schlug wie eine Bombe bei den Archäologen ein. Nun
wollten sie auch das Jahrhundert und das Jahrzehnt erfahren. Auch dies ist möglich mit
der Dendrochronologie.
Die Möglichkeit das Jahrhundert und Jahrzehnt zu ermitteln, wird als
«cross-dating» oder «overlapping» (= Überlappen) bezeichnet.
Nehmen wir an, ein Baum wird 2007 mit 300 Jahresringen gefällt, dann begann er 1707 zu
wachsen. Ein Baumring-Forscher sucht eine alte Kirche mit Balken aus der gleichen Gegend.
Ein Balken hat ein Alter von 150 Jahren. Anhand der unterschiedlichen Breite der Baumringe
können Jahr für Jahr die Klimaverhältnisse exakt bestimmt werden. Über
das Klima wird je Balken eine graphische Darstellung angefertigt. Die Darstellungen werden
untereinandergelegt und solange verschoben bis die äußeren Ringe des Kirchenbalken
sich mit den inneren Ringen des Baumes decken. Diese Überlappung beträgt angenommen
75 Jahre. Dann ist der Kirchenbalken 1782 gefällt worden. Der Kirchenbalken ist somit
datiert und ein weiterer Fakt der Geschichte konnte gelüftet werden. Werden noch
ältere Balken gefunden, die sich überlappen, so geht die Geschichte immer weiter
zurück in die Vergangenheit. Für die östliche Zentralregion Kaliforniens
konnte bis jetzt eine Baumring-Chronologie erstellt werden, die bis 6.700 v. Chr.
zurückreicht.
Nicht jeder Baum wächst wie sein Nachbar. Probleme gibt es dann, wenn bei einem Baum
Störungen im Wachstum auftreten. Solche Störungen können Verwachsungen sein,
die das Entziffern der exakten Jahreszahl erschweren. Fay-Cooper Cole von der Anthropologie
der University of Chicago hat 1934 eine neue Auswertungsmethode getestet - die sogenannte
Gladwinsche. Auch bei ihr traten Fehler auf.
Kurz vor Ende des Jahres 1928 war es Douglass gelungen eine chronologische - ununterbrochene -
Baumring-Sequenz bis in das Jahr 1300 n. Chr. zu rekonstruieren und von mehr als
dreißig Ruinen eine sogenannte schwebende Chronologie von 585 Jahren vorzulegen.
Für diese Erkenntnisse waren drei Expeditionen - 1923, 1928 und 1929 - notwendig.
Erst 1929 konnten die schwebenden Chronologien in die christliche Zeitordnung eingeordnet
werden - vor 1260 n. Chr.
Weil Douglass der Zugang zu Pueblos von den Bewohnern verwehrt wurde, mußte er sieben
Stunden lang liegend Baumringe zählen. Erst durch die Pfiffigkeit eines seiner Mitarbeiter
erhielten sie dann die Erlaubnis zum Zutritt.
Auf der Suche nach Balken, die vor 1260 liegen sollten und damit den Jahresring-Kalender von
Douglas zu komplettieren, entdeckte 1929 der junge Emil H. Haury in Ruinen bei Showlow ein
halb verkohltes, 17,5 Zentimeter dickes und 25 Zentimeter langes Balkenstück - durch
Verkohlung werden verbrannte Stämme besterhaltene Hölzer für die Jahresringdatierung
- welches die Katalognummer HH-39 erhielt. Douglass, der zufällig gerade anwesend war,
konnte sofort eine Feldanalyse durchführen. Die äußeren Ringe zeigten ein
charakteristisches Ringmuster und waren damit verhältnismäßig leicht zu
identifizieren. Die Zeit mußte zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert liegen. Von diesen
Linien zurückgezählt bis in den Kern des Balkens, dies ergab am innersten Ring die
Jahreszahl von 1237 n. Chr.
23 Jahre war mit diesem Ergebnis der kontinuierliche Jahresring-Kalender zurückgesetzt
worden und HH-39 wurde eines der wichtigsten Beweisstücke der Dendrochronologie. Der
Balken schloß die bestehende Lücke - den 551. Ring der schwebenden Sequenz - im
Jahresringkalender. Damit reichte der Baumring-Kalender bis in die Zeit der Korbflechter-Kultur
Arizonas bis zum Jahr 700 n. Chr. zurück.
Mit dieser erarbeiteten Chronologie konnte auch die Dürreperiode zwischen 1276 bis 1299
n. Chr. - ganz besonders schmale Jahresringe - festgestellt werden, die das einst
unverständliche Abwandern der Pueblo-Bevölkerung zur Folge hatte.
Andrew E. Douglass hatte eine ununterbrochene Baumring-Datierung bis zum Jahre 700
n. Chr. zurückgeführt - einen sogenannten endlosen Baum von 1.229 Jahren.
Kurz ein paar Datierungs-Beispiele:
Pueblo Bonito, New Mexico = 919 - 1130
Aztec, Arizona = 1110 - 1121
Mesa Verde, Colorado = 1073 - 1262
Oraibi, Arizona = 1370 - 1800
Showlow, Arizona = 1174 - 1383
Die angegebenen Zahlen sind nicht die Lebensdauer der Pueblos,
sondern die Zeitspanne der Bauzeit anhand der Daten, wann ein Baum gefällt wurde.
Probleme, die bei der Datierung auftreten, waren bei den Pueblos vor allem Baumstämme,
die aus Gegenden kamen, die bis zu 280 Kilometer entfernt lagen und in die Chronologie deshalb
nicht hineinpaßten. Auch das ein Stamm mehrfach Verwendung fand, wurde zum Beispiel in Oraibi
analysiert.
Warum über die Baumring-Datierung nur aus dem Südwesten der USA berichtet wird,
liegt einfach daran, dass hier diese Methode erstmals eingesetzt wurde.
Douglass untersuchte auch das Alter der Redwood- und Sequoia-Bäume in Kalifornien.
Hier konnte er die Baumring-Sequenzen aus dem Südwesten nicht verwenden, da in
jeder Gegend ein anderes Klima herrscht und deshalb eine Überlappung nicht nachweisbar
ist.
Edmund Schulmann - auch von der University of Arizona - beschäftigte sich mit den
ältesten Bäumen der Welt, den Borstenkiefern (Bristlecone Pines). 1957 fand er in
3.000 Meter Höhe in Kalifornien das älteste, noch lebende, Exemplar mit einem Alter
von 4.300 Jahren. Der Stamm wies einen Durchmesser von 120 Zentimetern auf und trotz seiner
knorrig-dicken Äste produziert er noch Zapfen und Samen.
C. W. Ferguson von der University von Tuscon konnte in den White Mountains in Kalifornien
aus toten wie auch aus lebenden Hölzern der Borstenkiefer eine Chronologie, die bis 8.253
Jahre zurückreicht, erstellen. Diesen Kalender will der Wissenschaftler bis zum Ende der
letzten Eiszeit vervollständigen.
Die Datierungen der Dendrochronolgie in den White Mountains werden mit Radiocarbon-Tests
verglichen, nach denen dann die C14-Tests geeicht werden.
J. Louis Giddings - der bekannte Eskimo-Forscher - konnte eine Chronologie in Alaska bis
auf das Jahr 978 n. Chr. zurückführen.
Auch in Europa setzte sich die Baumring-Datierung durch. Wichtig für die Erstellung einer
solchen Chronologie ist, dass die Hölzer der Jahresringproben aus der gleichen Klimazone
entnommen werden.
In europäischer Zusammenarbeit wurde eine Baumring-Chronologie für Mitteleuropa anhand
von Eichenholzproben erstellt, die etwa 10.000 Jahre zurückreicht bis etwa um 8.000
v. Chr. Für die winkingerzeitliche Siedlung Haithabu wurde, da noch keine
Baumring-Chronologie vorlag, für Schleswig-Holstein ein Jahresring-Kalender erarbeitet,
der umfangreiche Bautätigkeit zwischen 800 und 810 n. Chr. aufzeigt und von der
Gesamtbesiedlungszeit von 250 Jahren mehr als 220 Jahre mit zahlreichen Artefakten dokumentiert.
Die Dendrochrologie ist die zuverlässigste und zugleich präziseste Datierungsmethode
in der Altertumsforschung. |