Ich muß zugeben, dass dieses Thema ein heikle Angelegenheit ist. Trotzdem möchte
ich versuchen es so gut wie möglich darzustellen und hoffe, dass mir dies gelungen
ist.
Bevor man sich mit dem was Indianern heilig war oder heute noch ist befassen kann,
muß erst einmal der Begriff «heilig» definiert werden.
Definition: Das Wort «heilig» ist ein allgemeiner religiöser
Begriff. Seiner Bedeutung nach ist er einer Gottheit (göttlichen Wesen) geweiht. Das
Heilige kann nicht zur naturwissenschaftlich definierbaren Welt dazugerechnet werden.
Geistes- wie auch Naturwissenschaften können den Begriff nur umschreiben, aber nicht
exakt definieren. Das Heilige kennt jede Religion und wird durch bestimmte kultische und
rituelle Bräuche vom weltlichen abgegrenzt, damit es nicht entweiht oder gar
verunreinigt werden kann. Das HEILIGE wird in Stätten (Kultstätten), in den
Bergen, in Gebäuden oder Tempeln, in Steinbrüchen (Pipestone), in Pflanzen und
Tieren, in heiligen Tagen wie auch Wochen, in Gegenständen (heilige Bündel),
Gefäßen oder Geräten durch bestimmte Rituale oder Zeremonien verehrt.
Für die Indianer Nordamerikas ist die Erde heilig, wie auch deren Geschichte. Diese
Geschichte erzählt wie die ersten Menschen entstanden sind und wie jeder Stamm seine
Jagdgründe erhielt. Tiere haben den gleichen Wert und die selbe Würde wie ihre
Jäger. Sie geben dem Menschen Nahrung und Kleidung und sind deshalb Teil der
kosmischen Einheit. Ihre Geister müssen Ehrfurcht erfahren, selbst wenn das Tier tot
ist. Auch der Himmel ist Teil des Kosmos, in dem die Geister der Sonne, des Mondes, der
Sterne, des Windes und des Wassers leben. Aber auch alles in der Natur hat seine Geister,
wie die Berge, Felsen, Flüsse, Seen, Pflanzen und Tiere. Wenn all diese
spirituellen Kräfte in Harmonie zusammenstehen, ist der Kosmos im Gleichgewicht.
Zahlreiche Legenden und Mythen erzählen voller Ehrfurcht von der Erde und vom Himmel
und mit ihren Ritualen und Zeremonien bringen die nordamerikanischen Indianer ihre
Zugehörigkeit zum heiligen Kosmos zum Ausdruck.
Jeder Stamm zelebriert Zeremonien nach Anweisung der heiligen Schöpfungsgeschichte.
Der Große Geist, Vater, Großvater oder Old Man war den meisten
nordamerikanischen Indianern bekannt. Er gilt als Schöpfer der Erde und herrscht
über allem Lebendigen. Das gesamte menschliche Leben ist für die Indianer heilig.
Das menschliche Handeln stand mit dem Großen Geist in Verbindung. Der Schöpfer
bei den Indianern ist der Vater und die Mutter ist die Erde.
Nordamerikanische Indianer bringen jedem Ort in der Natur Achtung entgegen. Einige dieser
Stätten besitzen aber größere magische Bedeutung als andere. Plätze,
an denen Wasser vorhanden ist, haben ganz besondere spirituelle Kräfte. Diese
Kultstätten werden wegen ihrer übernatürlichen Entstehung als heilig
angesehen.
Der Gipfel des Big Foot Pass in den Badlands im Bundesstaat South Dakota besaß für
die Indianer dieser Gegend mythische wie auch heilige Bedeutung. Die Berge der Sierra
Nevada waren für die Maidu heilig. Eine spirituelle Stätte der Lakota war der
Bear Butte. Nördlich von Fort Laramie erhebt sich ein ausgedehntes Gebirgsmassiv -
die geliebten und zugleich verehrten Berge der Sioux, die Black Hills. Die Schwarzen Berge
waren für die Sioux der heiligste Teil ihres Stammesgebietes, welche sie Pa Sapa
nannten. In diesen Bergen lag die «Höhle der Winde», aus der Wakan Tanka
- der Herr des Lebens - die Büffel auf die Prärie schickte und damit den
Plain-Indianern Nahrung und Kleidung bescherte. Für die Choctaw und für viele
andere Stämme war nicht nur die Erde, sondern auch ihre Heimat heilig.
Die Vorfahren der heutigen Stämme besaßen auch heilige Orte. Der Chelly Canyon in
Arizona wurde von den Anasazi als heilige Stätte verehrt. Dieser Ort wurde
später von den Pueblo-Indianern - den Hopi und Navajo - weiter verwendet.
In diesen Kultstätten wurden Zeremonien der Danksagung, Geisterbesänftigung
wie auch Initiationsriten, Visionssuche und Begräbnisse abgehalten. Die Orte wurden
von den Indianern in Ehren gehalten, damit die Geister, welche sich hier aufhielten,
nicht erzürnt werden.
Ein weiterer heiliger Ort war der Pipestone (= Pfeifenstein) - ein heiliger Steinbruch in
der Prärie du Chien oder der Côteau des Prairies im heutigen US-Bundesstaat Minnesota.
Er diente als Weihe- und Wallfahrtsort und galt als Land des Friedens. Der Pipestone war
die Heimat der Yankton-Dakota. George Catlin kam 1837 zum heiligen Steinbruch nach dem das
neuentdeckte Mineral - der Catlinit - benannt wurde.
Im heiligen Erdhaus, welches für die Arikara das Sinnbild für ihre Weitsicht
war, wurde ein Mutter-Mais-Kult durchgeführt. Die Hidatsa, Pawnee und Mandan kannten
ähnliche Zeremonien, die auch im heiligen Erdhaus stattfanden.
Einer der wichtigsten Gegenstände der Indianer war die Pfeife - auch Calumet
genannt. Sie wurde beiderseits des Mississippi verehrt. Die heilige Pfeife symbolisierte
eine Art Schutzschild, da mit ihr auch Grenzen zu Feinden überschritten wurden. Das
Rauchen des Calumets war wichtiger Bestandteil bei feierlichen Zeremonien. Selbst der
aufsteigende Rauch war heilig, da er einen mystischen Verbindungsweg zum Großen
Geist darstellte. Der Pfeifentomahawk, der aus Metall besteht, war wegen der Integration
einer Pfeife auch heilig.
Die in Zeremonien und Ritualen vorkommenden Gesänge waren ebenfalls heilig. Ein
solches Lied wurde einem Krieger gelehrt, wenn er keine Visionen oder Träume
hatte und deshalb nicht mit überirdischen oder tierischen Wesen in Verbindung
treten konnte und deshalb keinen Schutzgeist erhielt. Er mußte sich dann ein
heiliges Bündel von einem erfolgreicheren Krieger anfertigen lassen. Der Inhalt des
heiligen Bündels wurde einfach dupliziert. Ein Verkauf hätte dem Krieger Schande
eingebracht, da das Duplikat ein Geschenk seines Schutzgeistes darstellte. Das heilige
Bündel - wird fälschlicherweise auch als Medizinbündel bezeichnet - war
eine Art Talisman eines Kriegers, das ihm vor Unheil bewahren sollte.
Schamanen verwendeten für die Genesung von Kranken neben Heilkräutern auch
heilige Objekte. Sie verwendeten dazu Adlerfedern, ein Säckchen mit Kristallen und
Steinen, Rasseln und Trommeln. Die Schamanen der Nordwestküste fertigten ein
komplettes Kostüm mit Kopfbedeckung an.
Im Leben der Indianer besaßen Tiere und Menschen eine enge Verbindung, weshalb Tiere
eine wichtige Rolle in der spirituellen Welt spielten - waren sie doch an der Schöpfung
der Erde beteilig gewesen. Sie waren vollkommener als der Mensch und wurden deshalb
als heilig angesehen. Der Adler war für Indianer, eine Art heiliges Wappentier.
In zahlreichen symbolischen Tänzen, Riten und Zeremonien wird dies ausgedrückt.
Der Adler galt als Symbol der Unantastbarkeit, Glücksbringer neben anderen Tieren und
Bote der Gottheit. Er stand und steht noch heute in der Dreiheit Himmel-Adler-Mann.
Für die Prärie-Indianer ist der Bison heilig, er gab ihnen Nahrung, Kleidung
und alle notwendigen Utensilien, die sie zum Leben brauchten.
Nicht nur Tiere hatten spirituelle Kräfte, sondern auch die heimischen Pflanzen.
Der Bitterball ist die heilige Pflanze der Navaho, die als Heilmittel verwendet wird.
Ebenso ist der Mais eine heilige Pflanze für die der Maistanz und andere Zeremonien
veranstaltet wurden, um die Pflanze zu ehren. Zugleich ist er eine Kulturpflanze.
Rittersporn (lat.: Delphinium, amerik.: Larkspur) wird von den Navahos als heilige
Pflanze angesehen, welche in spiritistischen Zeremonien zur Anwendung kam.
Für viele nordamerikanische Indianer ist der Sassafrasbaum, der im Süden von
Nordamerika und Mexiko wächst, eine heilige Pflanze. Die auch als Fenchelholzbaum
bezeichnete 35 Meter hohe Pflanze der Lorbeergewächse hat großflächig
hellgrüne Blätter, kleine weiße Blüten und kleine, runde und
glänzend blaue Beeren. Für Schamanen ist Tabak eine oft verwendete heilige
Pflanze.
Awonawilona ist das höchste Wesen der Zuni. Er wird von der alles durchdringenden
Luft verkörpert. Dazu gehört die Atemluft, der Nebel wie auch die Wolken. Das
Wolkensymbol ist den Pueblo-Stämmen heilig.
Koshare sind bei den Pueblo-Indianern heilige Clowns, die auch noch heute schwarz-weiß
gestreifte Bemalung oder Kleidung tragen. Sie sind bekannt durch das St. Hieronymus-Fest
in Taos geworden. Ihnen obliegt es von einer hohen Stange Essen herunterzuholen. Gelingt
das nicht, bedeutet dies ein böses Omen.
Bei den Indianern gibt es viele Mythen von Ungeheuern, welche eine Gewaltherrschaft
ausübten, ehe es einem Menschen gelingt, sie zu besiegen. Das Geistwesen ist bei den
Indianern trotz alledem ein heiliges Ungeheuer.
Alle angeführten Beispiele, wie Orte, Dinge, Pflanzen, Tiere wie auch die Mythen
sind Indianern heilig.
Wenn man zusammenfassend ausgedrückt was Indianern heilig ist, so muß man die
gesamte Schöpfung nennen.
Was ist Indianern heute noch heilig?
Diese Frage richtig zu beantworten, ist nicht ganz einfach.
Viele der Glaubensvorstellungen und heiligen Zeremonien leben weiter und sind Teil ihrer
kulturellen Identität, jedoch haben einige ihre Bedeutung teilweise oder ganz
verloren, da die Einflüsse der Zivilisation vorherrschen.
In den Indianer-Reservationen entstehen seit einiger Zeit Feriencamps und Spielcasinos.
In Indianercamps wird Urlaubern das Reiten, Angeln, Wandern etc. angeboten. Es werden
Powwows, Adlertanz etc. zur Schau gestellt oder Indianer sind bei Rodeos und Paraden
anwesend und treten in prachtvollem Federschmuck und reichverzierter Lederkleidung auf.
Das Bewußtsein der Indianer in Richtung der Verbundenheit zur Natur hat sich nicht
geändert. Auch heute steht die Verehrung der Umwelt im Mittelpunkt, die Landschaft
gilt als heilig und wird als Quelle der Identität und Kraft gepriesen. Die Erde ist
der Ursprung eines ewigen Kreislaufes - sie schenkt dem Menschen das Leben von Zeugung,
Ableben und Regeneration.
Heute können wir von den Indianern noch lernen. Nicht um sonst nennen die Indianer
die Erde als ihre Mutter. Diese Verbundenheit zur Natur macht sie zu
verantwortungsbewußten Umweltschützern. Die amerikanischen Ureinwohner waren
vielleicht die ersten Ökologen. Sie versuchen im Einklang mit der Natur zu leben und
ihre Philosophie lehrt sie Harmonie mit der Natur anzustreben. Erst wenn sie ein Gebet
gesprochen haben, nehmen sie sich was von der Erde. Kein Leben darf sinnlos vergeudet
werden, deshalb wird nur das getötet, was zur Nahrung benötigt wird.
Wie überall bestätigen Ausnahmen die Regel. Auch Indianer haben nicht immer
die Natur geachtet, sondern sogar Raubbau betrieben. Vorgeschichtliche Jäger, die
vor etwa 15.000 Jahren lebten, haben am Ende der Eiszeit ein Massensterben von
Großtieren in Nordamerika verursacht. Dabei starben Mammut, Mastodon, Riesenfaultier,
Säbelzahntiger, Urpferd - insgesamt ca. 30 Tiergattungen. Wieder nordamerikanische
Indianer haben Hunderte von Bisons, zur Zeit wo das Pferd ausgestorben war, über die
Klippen gejagt. Die Anasazi hatten die Wacholderwälder in Chaco Canyon abgeholzt und
somit eine öde Landschaft hinterlassen, wo ihre Nachkommen nicht bestehen konnten und
in Mesa Verde rücksichtslos ihre Rohstoffe ausgebeutet.
Trotz alledem sind Indianer als Umweltschützer anzusehen, da sie zu allen Zeiten die
Erde feierten und die Früchte, die sie ernteten. Haben die Indianer die Flüsse
verschmutzt oder die Luft verpestet, wie es die Weißen taten. Wie würde Amerika
heute aussehen ohne die Eindringlinge? Bestimmt besser.
Der Auffassung der Indianer nach, haben alle Wesen - Pflanzen, Tiere, Sterne oder Geister -
ein Recht auf Dasein und Leben. Mit dieser Philosophie konnten die Indianer auf dem
amerikanischen Doppelkontinent 50.000 Jahre und mehr überleben.