NORDAMERIKA
Indianisches Bewußtsein
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Indianischer Realismus
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Einführung
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Das schwerste Thema überhaupt, um einen Indianer in seinem Denken und Handeln zu
verstehen. Eigentlich das, was ein Weißer nie richtig verstehen kann, weil er
sich nicht in die Lage versetzen kann, wie ein Indianer denkt. Ich möchte als
Nicht-Indianer in dieser Hinsicht einiges vermitteln.
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Zum Thema
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Wir leben heute im Realismus ebenso ein Indianer - für ihn ist er nur ein anderer.
Von den Eskimos im Norden bis zum Feuerländer im Süden ist ihre Wirklichkeit
eine Wirklichkeit der Träume. Sie durchdringen die sichtbare Wirklichkeit, so dass
Traum und Wirklichkeit voneinander kaum zu trennen sind.
Der indianische Realismus ist also ein Traum-Realismus. Gibt es so etwas und was
muß man sich darunter vorstellen? Für Indianer sind Traum und Wirklichkeit
eins, eine Trennung gibt es nicht. Was der Weiße das wirkliche Geschehen nennt,
ist beim Indianer die äußere Begleiterscheinung besser gesagt die Folge der
Wirklichkeit des Traumes. Das was die Seele während eines Traumes oder einer Vision
erlebt, ist für den Indianer die Wirklichkeit - es sind die realen Erlebnisse des
Ichs, das den Körper während einer Ruhephase gerade verlassen hat. Die
überirdischen Gestalten im Traum sind Boten von Zaubermächten, die das
Verhalten zum Wohle der Menschen relugieren sollen. Der Traum-Realismus der Indianer
ist die Grundlage ihrer Weltanschauung und ist somit die Haupttriebkraft ihres gesamten
Denken, Planen und Tun.
Das ist die Beziehung eines Indianers zu Pflanze, Tier, Gegenstand, zu seinen Toten,
zu den heiligen Männern und zu ihren Häuptlingen. Wer das nicht versteht,
weiß nicht wie ein Indianer denkt.
Der Traum eines Indianers ist anders, als der anderer Menschen, weil er teilweise
künstlich herbeigeführt wird. Er ist also mehr Vision als ein Traum wie wir
ihn kennen. Oft sind die Träume gelenkt damit der Indianer die höhere
Wirklichkeit erkennt und sein Tun darauf ausrichtet. Bestens Beispiel dafür war
das nächetlange Singen und Tanzen der Prärie-Indianer, um die Bisons zu rufen,
wenn sie hungerten. Oft wurde geträumt unter dem Einfluß von
Tiergiften.
Geträumt wurde was das Weltbild eines Indianers darstellt - also was ihm vertraut
ist, was er erhofft, anstrebt oder was er befürchtet.
Das was für die äußere Umwelt im Traum gilt, ist auch geistiger
Bestandteil der menschlichen Vorstellungen. Für den Indianer ist ein Traum ein
theologischer Grundsatz - ein Glaubensbekenntnis. Er gilt als ethnischer Grundsatz,
bildet die Richtschnur für das Verhalten, ist Anreiz zu Ehrfurcht, ist Grundlage
für die Erziehung und fordert Gehorsam und Disziplin.
Wenn ein Indianerkind - meist Jungen - in das Alter des Erwachens seines
Denkvermöges kam, so schickte man ihn in den Wald, wo er durch systematisches Fasten
in den Zustand von Visionen gelangen sollte. Aus diesen Visionen wurde der
Traum-Realismus - also die Wirklichkeit - hergeleitet. Ein großer Träumer,
so glaubten die Indianer, läßt große Taten für sein Volk
vollbringen.
Wenn wir etwas wichtiges vorhaben und von der Vorstellung der Aufgabe so erfüllt
sind, so träumen wir davon. Ein Indianer war überzeugt, dass die Wirklichkeit
seines Traumes äußere Begleiterscheinung ist - wie bereits beschrieben.
Eine Dakota-Legende berichtet von einem Vierzehnjährigen, der bei seinem ersten
Fasten in der Einsamkeit einen in grüne Gewänder gehüllten und mit
grünen Federn geschmückten Jüngling traf, der ihn zum Kampf aufforderte
diesen jedoch verlor. Der Dakota sollte den Wunsch des Besiegten erfüllen und ihn
begraben. Er sollte desweiteren auch nicht sprechen. Damit wurde er zum Wohltäter
seines Volkes, denn an der Stelle des Ringkampfes wuchs Mondamin - was wir Mais nennen.
Die Vision dieses Jungen ist die Entstehungsgeschichte des Maises der Dakota.
Um richtungsweisende und segenbringende Träume - also gute Träume - zu
erlangen, muß der Ersehnende durch Fasten sich in den Zustand von Visionen
versetzen. Seit Jahrtausenden haben Hochkulturreligionen durch Fasten einen Zustand der
Macht und Gnade erreichen können, der ihm sonst verwehrt geblieben wäre. Durch
das Fasten glauben die Indianer geistige Fähigkeiten zu erwerben, verborgene Dinge
zu sehen, die ihr späteres Leben bestimmen oder von Bedeutung für die Zukunft
sind.
Der Traum wurde ethnisches Verhaltensgesetz der Indianer. Sie in die Zivilisation
einzufuuml;gen, standen die Traumerkenntnisse im Wege. Der Traum sport die Indianer zu
ihrem Tun an, er kann aber auch Tatkraft lähmen oder Schicksalsglauben werden. Wenn
Gefahr ihnen drohte, zogen sie sich in ihren Traum-Realismus zurück. Menschen, die
ihnen helfen wollten, wurden mit ihn vor die Stirn gestoßen. Der Traum der Indianer
war auch der größte Feind der Missionare.
Wer die Ureinwohner zu einem bestimmten Zwecke benutzen - anstacheln - wollte, verwendete
den Traum als Machtmittel und erhielt so Gewalt über die indianische Seele. Nicht
nur die Missionare bedienten sich des Traums, um das Christentum zu verbreiten, sondern
bedeutende indianische Freiheitshelden kleideten ihre politischen Botschaften in
Visionen, die sie erhalten hatten. Selbst heute sind im Traum erhaltene Botschaften
verbindend und verpflichtend, so dass ein Indianer nur in seltenen Fällen sich
Vorschriften machen läßt. Nur in Not oder bei gemeinsam durchgeführten
Aktionen - die der Gemeinschaft dienen, wird auf Freiwilligenbasis die Anordnung befolgt.
Getaufte Indianer konnten nicht ganz die Welt des Traum-Realismus aufgeben.
Bei den Indianern ist Traum und Vision das gleiche. Die Crow verwendeten auch das
gleiche Wort baciri. Der Traum oder die Vision war die Grundlage zur Bewältigung
aller Lebensumstände. Jeder Indianer war auch bemüht, ein solches
Traumerlebnisses habhaft zu werden. Ein Crow benötigt die Vision wegen seiner
gesellschaftlichen Stellung - einen Teil seiner Segnungen verkaufte er nach festgelegten
Brauch.
Bei den nordamerikanischen Indianern haben sich keine Göttergestalten mit
genau umrissenen Persönlichkeiten und Charaktereigenschaften, die im Himmel
saßen und das Schicksal der Menschen bestimmten, herausgebildet. Die Welt war
allgegenwärtig und gefährlich, nur genau vorgeschriebene Zauberhandlungen
konnten den Indianer vor Gefahren schützen oder isolieren.
Manito - ein Wort aus der Algonkinsprache - war kein Gott oder Gottheit, wie z. B.
der Herr des Lebens, sondern eine Kraft - besser Zauberkraft, die in allen Dingen
(Gegenständen, Sternen, Steinen, Geräten, Gewässer, Stürmen...) und
Geschöpfen (Pflanzen, Tieren auch dem Menschen) zeitweilig oder dauernd innewohnt.
Bei den Dakota heißt die selbe Macht oder Kraft wakónda oder auch
mahopá. Orenda nennen die Irokesen diese Macht, pokunt die Schoschonen (Shoshoni)
und die Huronen oki, oky oder okhi. Bei den Huronen hat die Kraft mehr dämonischen
Charakter, der gefahrdrohend sich gegen die Umwelt richten kann. Alle genannten Begriffe
bezeichnen das gleiche Unsterbliche, Geheimnisvolle, Wunderbare, Geistige. Es ist in
allen Dingen und Wesen enthalten und begnadet oder erschreckt. Diese Kraft kann durch
Riten und streng vorgeschriebene Maßnahmen günstig gestimmt oder befriedet
werden. Manche Objekte oder Wesen können auch nur zeitweilig heilig sein. Ein
Jäger kann z. B. vor einem Felsen stehen und ihn für eine gute Jagd um
Hilfe bitten. Der Felsen ist sonst nicht heilig, nur das Gebet, welcher der Jäger
spricht, übernimmt vorübergehend diesen heiligen Zweck. Ist die Zeremonie zu
Ende, wird der Fels nicht mehr mit Ehrfurcht behandelt. Selbst die Schwitzhütte -
ihr Geflecht, die heißen Steine und das dargebrachte Fett - werden nach mystischer
Berührung lebend, heilig, göttlich.
Der Indianer bemüht sich allen Dingen und Wesen eine gebührende Ehrfurcht
entgegen zu bringen, damit nicht einmal die Rache dieser sich gegen ihn richtet. Bei
Menschen mit Zauberpotenzen versucht der einzelne das Wohlwollen zu erlangen. Ebenso
müssen vorbeugende Maßnahmen vorgenommen werden, um sich vor bösen
Zauberkräften zu schützen.
Die mystischen Kräfte so zu beeinflussen - also nutzbar zu machen, ist Magie.
Für die Indianer sind sie Realität, wie Erde, Baum, Fels - für uns
mystisch.
Die unsichtbare Welt der Indianer - vom nördlichsten bis zum südlichsten, vom
kulturell ärmsten bis höchstentwickelten - eint sie im Glauben an drei
grundlegende Traumrealitäten. Jeder Stamm kennt sie, verwendet nur andere Namen,
die Bedeutung ist aber gleich. Die drei Traumrealitäten sind:
1. Der Glaube an magische Kräfte
2. Glaube an Geister und
3. Glaube an Mythengestalten, die meist Gutes tun,
manchmal aber Schlechtes in die Welt bringen
Letztgenannte sind die sogenannten Kulturheroen. Was hier eben nicht aufgezählt
wurde, ist der Glaube an mehrere Seelen im Menschen, der Glaube an Naturgötter und
der Glaube an einen Welten- und Menschenschöpfer. Wichtig sind nur die drei der
Aufzählung: Zauberkraft, Geister und Kulturheroen.
Die unter EINS genannten Geister bilden wiederum zwei Hauptgruppen: die Naturgeister und
die Totengeister. Weiter gibt es Wassergeister, die dem Menschen meist wohlwollend
gegenüber stehen. Auch Kobolde gibt es, die hilfreich sind, aber mit Vorsicht zu
behandeln sind. Über die Pflanzen und Tiere wachen Wald- und Feldgeister, die
Verstöße gegen die geltende Ordnung ahnden.
Die Naskapi - Subarktis - kennen vier Mächtige. Wuapan nischu - der Ostmann oder
der Mann des Tageslichts, Nakape ban - der Westmann, Tschiuat nischu - der Nordmann und
Schowen schu - den Südmann. Der West- und Südmann ist den Menschen wohlgesinnt.
Letztgenannter bringt im Sommer reichliches Essen. Für die Spender des Lebens werfen
die Naskapi zu Ehren Fleischstücke ins Feuer.
Nett Lake ist für die Ojibway eine Geisterinsel, auf der man Maymayguési
Tabak als Opfer bringt, damit die Fische nicht weg bleiben. Ein Totem der Ojibway ist
Nipi Nabe, der Wassermann, der allerdings auch als Geist auftreten kann. Bei den
Winnebago gibt es eine unbegrenzte Zahl von Geistern, die sich sichtbar, hörbar
oder fühlbar offenbaren. Ohne zutun von Geistern kann ein Mensch nicht erfolgreich
sein, so glauben die Winnebago. Ihr Wassergeist ist böse, hingegen Krankheitssender
- ein Schutzgeist - der nur dem erscheint, der ernsthaft fastet.
Bei den Indianern gibt es überall Geister, die einen senden den Regen und wohnen
in Bäumen, Felsen und Flüssen, andere schädigen die Indianer. Geister
werden angerufen, um für vorübergehenden Schutz zu bitten, dazu wirft man Tabak
in den Fluß, den man überquert oder betet, dass der Sturm aufhört. Es
gibt sogar Schlafgeister bei den Indianern, die bei den Ojibway den Namen uing erhielten.
Die Geister sitzen in den Ritzen der Zelte oder befinden sich im Tabaksbeutel des
Jägers.
...
Auf die Indianer haben die Naturgeister und Totengeister einen besonderen Einfluß,
den wir uns nicht so richtig vorstellen können. Das auf die Geister konzentrierte
Kultleben ist bei den meisten Stämmen der mächtigste und zugleich
großartigste Ausdruck ihres geistigen Tuns. Manche Dinge, die während des
Geisterkultes Verwendung finden, sind zeitweise, andere immer heilig. Am geheimnisvollsten
werden die Instrumente, die bei heiligen Tänzen und bei Weihefeiern der Jugend -
die sogenannte Stimme der Geister - ertönen, angesehen. Das bekannteste Gerät
ist das Schwirrholz - engl.: bullroarer = Ochsenbrüller, welches in seiner einfachsten
Form aus einem rechteckigen Stück Holz besteht und an einem Faden geschwungen wird.
In Nordamerika besitzt dieses Instrument manchmal Menschengestalt und ist mit symbolischen
Bildern des Regens und des Blitzes bemalt. Dieses heilige Gerät erzeugt einen
unheimlich surrenden Ton. Von den Eskimos, den Kwakiutl, den Arapaho und den meisten
westlichen Stämmen, wie den Apachen, Navaho und Ute und auch von Stämmen
Zentralkaliforniens und den Pueblo wurde dieses heilige Instrument bei Geisterkulten
verwendet.
Mit dem Kommen der Weißen verlor die Heiligkeit der Indianer an Bedeutung.
Die unsichtbare Welt der Indianer ist auch belebt. Konkrete Gestalten sind die Heilsbringer
und Kulturheroen, die Vollbringer großer Taten, die zuweilen als Schöpfer und
Urheber auftreten - sie galten auch als Schenker wichtiger Dinge und Talente, aber auch als
Verwandler, die Wesen eine andere Gestalt geben konnten. Göttlich und heilig waren sie,
die in Mythen unsterblich bleiben, mit Ehrfurcht betrachtet worden, aber selten nur angebetet
wurden. Die Irokesen besaßen einen solchen Kulturheros Tehoronhiawakhan, der noch einen
Bruder hatte, der im Feuerstein wohnte.
Bei den Algonkin-Stämmen war es Manibosho oder Nanabozho - er besaß noch weitere
Namen, den man verschiedene Taten und Aufgaben nachsagte. Die Ojibway kannten den Sohn des
Mudjekewis - des Herrn der Westwinde, der seinen drei weiteren Söhnen die Herrschaft
über die anderen Himmelsrichtungen verlieh. Manibosho, der ungedacht blieb, und mit seinen
Bruder Kabinokka gemeinsam gegen ihren Vater in den Krieg zogen, erlangten beide die Herrschaft
über die Nordweststürme. Einer anderen Auffassung zufolge erfand Manibosho an seinem
Geburtsort am Lake Superior das Fischernetz zum wohle der indianer. | |
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