| Die Indianer Gesamtamerikas |
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Leseprobe | ||||||
Sanfte Klavierklänge mischen sich mit der Stille, ich berühre die Schreibmaschinentastatur
und komme mir dabei vor wie ein Pianist, der am Flügel sitzt und seine Finger gefühlvoll
über die Tasten gleiten lässt. Nur dass bei mir nicht Töne, sondern Buchstaben entstehen
sollen. Denn heute – soviel habe ich mir zumindest vorgenommen – will ich mit dem Schreiben eines
Buches beginnen. Allerdings fehlt mir die konkrete Vorstellung, was den Inhalt betrifft.So lasse ich mich treiben, was im Moment ohnehin mein Motto zu sein scheint. Wohl komme ich mir dabei etwas ziellos vor, hoffe aber auf eine Eingebung, während ich gedankenverloren einen Bergkristall in die Hand nehme und die Regenbogenfarben suche, die sich gelegentlich darin zeigen. Als ich sie gefunden habe, tauche ich tief in sie ein, bis auf einmal nur noch dieses eine Grün zu existieren scheint ... Ein erfrischender Wind spielt mit meinem Haar, während ich über die saftig grüne Wiese spaziere. Zwei orangenfarbene Schmetterlinge flattern um mich herum, als wollten sie mich zum Tanz auffordern. Tatsächlich beginne ich wenig später zu tanzen und genieße es, mich von ihrer Unbeschwertheit mitreißen zu lassen. Ihre Bewegungen inspirieren die meinigen, bis mein Blick unerwartet bei einer Ruine hängen bleibt. Ich halte inne und lasse die Szenerie auf mich wirken. Wie immer, wenn ich eine Ruine erblicke, gebe ich mich meiner Phantasie hin und stelle mir vor, wer sie wohl wann gebaut und wie sich das alltägliche Leben damals abgespielt haben mag. Weshalb wurde die Hütte verlassen? Was für Schicksale mögen sich in ihren Mauern zugetragen haben? Könnten diese aufgeschichteten Steine sprechen, so hätten sie sicherlich eine Menge zu erzählen. Doch diesmal sind meine Gefühle anders als sonst. Irgendwie scheint mir, als wäre ich direkt betroffen, als sei diese Ruine einst Teil meines eigenen Lebens gewesen. Wie in Trance schreite ich auf sie zu. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich hätte mich ihr nicht länger entziehen können. Sie hatte mich in ihren Bann gezogen. Einige Wolken verdunkeln den Himmel, als ich die Ruine betrete. Ein seltsames Gefühl überkommt mich, ich fröstle und das Atmen fällt mir zunehmend schwerer. Es fühlt sich an, als würde mir jemand auf den Brustkorb drücken. Mir ist so unwohl, dass ich das Innere der Ruine wieder verlasse und nun um die Mauern herum schreite. Hinter einer dieser Mauern erblicke ich in etlicher Entfernung ein altes, keltisches Steinkreuz, das dort einsam und verlassen steht. Plötzlich wird mein Herz von einer tiefen Trauer überschattet. Ich lasse diesen bedrückenden Ort hinter mir und bemerke erst jetzt, dass ich mich auf einer Klippe befinde. Weit unten tobt das tiefblaue Meer und schlägt mit gewaltiger Wucht gegen die Felsen. Seltsam, dass dieses laute Rauschen vorher nicht in mein Bewusstsein gedrungen ist. Auf der Wiese, die mit lauter gelben Blumen übersät ist, lasse ich mich nieder. Ich sitze da und mein Blick streift immer wieder über die Ruine. Bruchstücke vertrauter Bilder steigen in mir auf, deren Ganzes ich nicht zusammenzufügen vermag. Es ist wie mit einem Traum, an den ich mich nur vage erinnern kann, von dem ich nur noch ein paar Eindrücke behalten habe. Der Rest ist verblasst oder gar für immer vergessen. Doch dann, wie aus dem Nichts, beginnt vor meinem inneren Auge ein Raum Gestalt anzunehmen. Ein düsterer Raum, der nur vom Kaminfeuer und einer Petroleumlampe, die auf einem schlichten Holztisch in der Mitte des Raumes steht, beleuchtet wird. Zwei kleinere Kinder, ein Mädchen und ein Junge, spielen auf dem Boden. Der Junge scheint höchstens sieben Jahre alt zu sein. Sein ungezähmter Rotschopf verleiht ihm ein geradezu spitzbübisches Aussehen. Seine Wangen sind gerötet und von unzähligen Sommersprossen übersät, seine stahlblauen Augen blicken lebhaft umher. Das kleine Mädchen ist vielleicht drei, vier Jahre jünger. Ein sehr zierliches Geschöpf mit langem, dunkelblondem, leicht gewelltem Haar. Sie sieht zerbrechlich aus, fast kränklich. Ihre dunklen Augen schauen flehend zu ihrem Bruder auf, als sie ihn fragt, wann Vater endlich zurückkäme. Mir zerreißt es beinahe das Herz ... Mein Gott, sind dies etwa meine Kinder? Urplötzlich scheine ich inmitten eines vergessenen, längst vergangenen Lebens zu stehen. In einer Situation, die ich nie hätte erleben wollen. Einem Augenblick, den es nie hätte geben sollen. Was ist nur mit mir geschehen? Auf einmal finde ich mich in einem Leben wieder, von dem ich nicht einmal wusste, dass es dies jemals gegeben hat. Zeit und Raum scheinen nicht länger zu existieren. Habe ich ihre Grenzen überschritten? Plötzlich ist dieses eine Leben die einzig reale Gegenwart, während mein altes Leben immer mehr verblasst, bis es schließlich ganz vergessen ist... |