Das östliche Verbreitungsgebiet der Inuit ist Grönland. Auf die
größte Insel der Welt konnten die Inuits nur nördlich des 78.
Breitengrades genauer über das Arktische Archipel einwandern. Erst seit der Mitte
des 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung sind immer wieder Gruppen aus Alaska und
Kanada nach Grönland vorgedrungen. Da die Gruppen aus unterschiedlichen Gegenden
kamen, war auch ihre Kultur verschiedenartig. Alle Gruppen der Inuits, welche bis zum
Ende des 1. Jahrtausend nach Christi Grönland erreichten, werden heute der Arktischen
Kleingerät-Tradition zugerechnet - die auch als paläoeskimoisch genannt wird.
Zu diesen Kulturen gehören die Gammel Nuulliit, Independence I, Independence II sowie
die Saqqaq und die Dorset. Aus der Dorset-Kultur entstand 1.000 n. Chr. die
neoeskimoische Thule-Kultur. Diese hatte sich von Alaska nach Grönland ausgebreitet
und waren die direkten Vorfahren der heutigen Grönländer.
Die paläoeskimoischen Kulturen
Gammel-Nuulliit-Kultur
Im Norden von Grönland - am Wolstenholme-Fjord - wurden wahrscheinlich die
ältesten Spuren von Bewohnern Grönlands gefunden. Die aus Stein gefertigen
Fundstücke ähneln zwar den Independence I- bzw. Saqqaq-Kulturen, besitzen aber
spezifische Eigenschaften, und wurden deshalb als eigenständige Kultur angesehen, die
den Namen nach ihrem Fundort Gammel Nuulliit erhielten. Mit Hilfe der Radiokarbon-Methode
konnte das Alter der Steingeräte auf das 3. Jahrtausend v. Chr. datiert werden.
Die Fundstücke zeigen eine deutliche Übereinstimmung mit gefundenen
Steinwerkzeugen aus dem Denbigh-Flint-Gebiet in Alaska. Man geht davon aus, dass diese
Kultur die früheste paläoeskimoische Kultur Kanadas und Grönland
darstellt und alle anderen Kulturen aus dieser hervorgingen. Knochenfunde zeigen, dass
die frühen Jäger schon Seesäugetiere fingen. Aber bis heute ist noch nicht
eindeutig nachgewiesen, dass die Gammel-Nuulliit wirklich eine eigene Kultur war und
ob aus ihr die Independence I und die Saqqaq-Kultur hervorging. Es wird allerdings auch
vermutet, dass die Gammel Nuulliit-Kultur nur eine Variante der Independence-Kultur
gewesen sein könnte.
Independence I-Kultur
Wesentlich besser erforscht, ist die Independence I-Kultur, die zwischen 2.500 und 2.000
v. Chr. im Norden und an der Nordostküste von Grönland sowie im Nordosten des
Arktischen Archipels sich ausgebreitet hat. Eine große Siedlung dieser Kultur
befand sich einst in Nordgrönland - in Peary-Land um das Independence-Fjord. In
dieser Region herrschte in der damaligen Zeit ein milderes Klima, jedoch immer noch
für Menschen extrem harte Bedingungen. Selbst heute sind die Spuren der hier
einst lebenden Menschen der Independence I-Kultur zu finden. Ihre Siedlungen besaßen
Behausungen mit elliptischen Grundriß. Sie hatten einen aus senkrechtaufgestellten
Steinplatten errichtete Feuerstelle in der Mitte. Der Mittelgang bestand aus ebenfalls
aufrechtstehenden Steinplatten. Auf beiden Seiten des Mittelganges befanden sich die
Schlaf- und Liegestätten. Das Dach dieser Behausungen bestand aus einem Gerüst
aus Treibholz über dem Moschusochsenfelle gespannt waren. Die Feuerstelle wurde mit
Treibholz, Knochen, Moschusochsendung und Arktischer Weide versorgt. Eine Tranlampe kannte
man noch nicht. Die Independence I-Bevölkerung ernährte sich, in den man dem
Robbenfang und der Moschusochsenjagd nachging und Polarhasen, Eisfüchse,
Schneehühner, verschiedene Gänse-, Enten- und Möwenarten erlegte wie auch
den Wandersaibling fing. Als Werkzeuge verwendete man Knochen für Nadeln und Stein -
meist Flint. Aus ihm fertigten die Independence I-Bewohner Grabstichel,
Stichelabschläge, Pfeil- und Lanzenspitzen sowie Schaber und einges mehr. Etwa 2.000
v. Chr. ging die Independence I-Kultur in ihrem Verbreitungsgebiet unter. Ob ein
dramatischer Temperatursturz die Region unbewohnbar machte oder die Bevölkerung
ausstarb oder entlang der Ostküste nach Süden zog, ist durch das kaum
erforschte Nordostgrönland bis heute nicht bekannt.
Saqqaq-Kultur
Im Westen und im südlichen Teil der Ostküste von Grönland entwickelte sich
2.400 v. Chr. die Saqqaq-Kultur. Ihr Hauptverbreitungsgebiet lag an der Disko-Bucht nahe
dem Ort Saqqaq, der der Kultur den Namen gab. Die Saqqaq-Kultur existierte rund 1.500
Jahre. Die Kultur der Saqqaq war verwandt mit den als Prä-Dorset bezeichneten Kulturen
in der kanadischen Arktis, die zur gleichen Zeit sich entwickelt hatte. Auch die Menschen
der Saqqaq-Kultur sind vermutlich über die Ellesmere Island nach Grönland
eingewandert und zogen dann nach Süden. Es könnte aber auch sein, dass die
Saqqaq-Kultur aus der Gammel Nuulliit- bzw. Independence-Kultur hervorgegangen ist.
Die Bevölkerung der Saqqaq-Kultur siedelten sich entlang der Fjorde und der
Küste an. Hauptnahrungsquelle waren Seesäuger. In einer Wohnstätte in der
südlichen Disko-Bucht, die von 2.400 bis 1.400 v. Chr. bewohnt war, wurden zahlreiche
Gegenstände aus Kieselschiefer, wie Grabstichel, Schaber, Messer- und Dechselklingen
sowie Geschoßspitzen und aus organischen Material hölzerne Pfeil- und
Lanzenschäfte, Schöpfkellen wie auch Messergriffe gefunden. Neben den
Werkzeugen fand man auch Knochen von verschiedener Robben, Walen, Eisfüchsen, Fischen
sowie von Vögeln. Ähnlich den Behausungen der Independence-Kultur hatten die
der Saqqaq-Kultur eine zentrale Feuerstelle und einen Mittelgang mit teilweiser
Pflasterung. Die Saqqaq-Leute verwendeten bereits die Tranlampe aus Speckstein als Licht-
und Wärmequelle. Als sich um 2000 v. Chr. nach einer Warmphase sich die Klima
abkühlte und es zur Wende des 1. Jahrtausend v. Chr. nochmals erwärmte bevor es
wiederum zu einem jähen Temperaturrückgang kam, sind im 10. Jahrhundert v. Chr.
die Saqqaq-Leute ausgestorben oder in günstigere Regionen ausgewandert. Auch diese
Region ist bis heute nur wenig erforscht. In Westgrönland betrug der zeitliche
Abstand von der Saqqaq- zur Dorset-Kultur nur 400 Jahre.
Independence II-Kultur
Bevor in Südgrönland die Saqqaq-Kultur verschwand, wanderte die Independence
II-Kultur in das seit 600 Jahren unbewohnte Nordgrönland ein. Das Verbreitungsgebiet
der Independence II-Kultur entsprach dem der Independence I-Kultur. Die ältesten
Funde konnten auf 1.400 v. Chr. datiert werden und die jüngsten auf etwa 400 v. Chr.
Es gibt jedoch keine gesicherten Erkenntnisse, ob Nordgrönland wirklich 1.000 Jahre
lang bewohnt war. Dagegen sprechen die wenigen Wohnplätze - nur ca. 1 Dutzend - und
die geringe Anzahl von nur 40 Ruinen. In Nordgrönland wurden auch die klimatischen
Verhältnisse immer schlechter. Das wärmste Klima der Independence II-Periode,
war das kälteste Klima der Independence I-Zeit. Forscher glauben deshalb, dass die
Wohnstätten der Menschen der Independence II-Kultur nicht im äußersten
Norden lagen, sondern im wenig erforschten Gebiet der Nordostgrönland-Region. Hier
wurde 1987 eine sehr große Ansiedlung auf Ile de France entdeckt. Die Jäger
der Independence II-Kultur stellten den gleichen Tieren nach wie die Jäger der
Kulturen vor ihrer Zeit. Es wurden Robben- wie auch Muschusochsenknochen gefunden. Eine
neue Tierart, die hinzu kam, war das Walroß. Auch die Behausungen der Independence
II-Kultur ähneln denen der Independence I-Kultur - die zentrale Feuerstelle, den
Mittelgang - nur waren sie wesentlich komplexer. Zwischen beiden Kulturen konnte jedoch
kein Zusammenhang bis zum heutigen Tage nachgewiesen werden. Man geht davon aus, dass
sich die Independence II-Kultur aus der kanadischen Präh-Dorset-Kultur entwickelt
hat und die Menschen über das Arktische Archipel nach Grönland einwanderten
und vielleicht unter den Einfluß der Saqqaq kamen. Die Werkzeuge erinnern an die
der Prä-Dorset und Dorset. Welches Schicksal die Menschen der Independence II-Kultur
ereilte, ist bis heute noch nicht bekannt. Eine Wanderung der Independence II-Leute nach
Süden entlang der Ostküste und ein Zusammenhang mit der Mitte des 1. Jahrtausend
v. Chr. in West- und im Süden von Ostgrönland auftretenden Dorset-Kultur wird
aber nicht ausgeschlossen.
Dorset-Kultur
Die Dorset-Kultur - in ihrer frühen Phase auch Dorset I genannt, besitzt
Ähnlichkeiten mit der Kultur der Saqqaq, aber noch mehr Gemeinsamkeiten mit der
kanadischen Dorset-Kultur. Die Dorset-Kultur hatte sich auf dem gleichen Gebiet
niedergelassen, wo zuvor die Saqqaq-Kultur verbreitet war, hatte jedoch eine geringere
Bevölkerungszahl aufzuweisen. Im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. verschwindet der
Einfluß der Dorset-Kultur im Westen von Grönland, jedoch bleibt er bis zum
6. Jahrhundert n. Chr. in Ostgrönland erhalten. Ihre Lebensweise entspricht die der
Saqqaq-Kultur. Die Siedlungen der Dorset lagen hauptsächlich an der Küste der
Disko-Bucht. Zur Zeit der Dorset I-Periode traten starke Temperaturschwankungen auf,
jedoch konnten diese nicht mit dem Niedergang deren Kultur nachgewiesen werden.
Im Norden der Westküste Grönlands sind im 9. Jahrhundert erneut Angehörige
der Dorset-Kultur in Erscheinung getreten, die aus Kanada kommend sich hier
niederließen. Ellesmere Island war eines ihrer Siedlungszentren, aber einige Gruppen
wanderten weiter nach Nordostgrönland, wie anhand von Fundstücken einwandfrei
festgestellt wurde. Die Kunst im südlichen Ostgrönland glich die der Dorset.
Dorset II-Kultur
Die Herkunft der Dorset II-Kultur konnte anhand von Übereinstimmungen mit denen der
kanadischen Dorset-Kultur zweifelsfrei festgestellt werden. Das Klima hatte sich so
verändert, dass ein Vordringen in hocharktische Regionen möglich war. In
Grönland konnten keine so großen Siedlungen nachgewiesen werden, wie in
Ellesmere Island. Die Dorset-Kultur konnte meist nur an Plätzen der späteren
Thule-Kultur gefunden werden. Die Bevölkerung der Dorset II-Kultur lebte auch
hauptsächlich von Seesäugern. Als Hauptsteinwerkzeug kam vor allem Flint zum
Einsatz. Jedoch wurde auch kalt gehämmertes Meteoreisen für Klingen,
Waffenspitzen und Grabstichel verwendet. In der Dorset II-Phase wurden sehr schöne
Kunstgegenstände aus Knochen und Elfenbein geschnitzt. Bis zum 10. Jahrhundert konnte
sich die Dorset II-Kultur im Nordwesten von Grönland behaupten, dann wurde sie von
der aus Westen vordringenden Thule-Kultur abgelöst. Wie die Dorset-Kultur verschwand,
ist nicht bekannt. Es kann sogar passiert sein, dass sich beide Kulturen vermischten.
Eine andere Variante geht davon aus, dass die Thule-Kultur die Dorset-Kultur ausgerottet
haben oder sie in wirtschaftlich schlechte Gebiete abdrängten, wo sie verhungerten.
Bei Ausgrabungen wurden Geräte der Dorset-Kultur meist an Plätzen der Thule
gefunden. Ob das auf eine Verschmelzung beider Kulturen hinweist, ist umstritten.
Aber nachgewiesen werden konnte, dass die Leute der Thule-Kultur einiges der Dorset
übernahmen, wie Schneemesser zur Herstellung der Schneehütten wie auch den
Speckstein zur Herstellung von Lampen und Gefäßen.
Auf jeden Fall hört mit dem Eindringen der Thule in den Nordwesten von Grönland
die Dorset-Kultur auf zu existieren. Allerdings ist nicht auszuschließen, ob sich in
Nordostgrönland die Dorset- mit der Thule-Kultur vermischten.
Neoeskimoische Thule-Kulturen
Die Thule-Leute, die um 1.000 bis Grönland vordrangen, sind die Vorfahren der
heutigen Grönländer. Ihr Verbreitungsgebiet ist identisch, mit dem der
Thule-Kultur. Die sogenannte frühe Phase - von 11. bis 12. Jahrhundert - der
Thule-Kultur wird als Nuulliit-Phase bezeichnet. Das diese Kultur so schnell von
Nordalaska über das Arktische Archipel nach Grönland vordrang, steht bestimmt
mit dem immer milder werdenden Klima in Zusammenhang. Damit konnte der Grönlandwal
nach Norden in das Arktische Archipel vordringen und ab diesem Zeitpunkt auch hier gejagt
werden. Die Ringelrobbe und andere Beutetiere wanderten gleichfalls nach Grönland.
Die Thule-Leute kannten bereits das Kajak, den Hundeschlitten und das Umiak. Ihre
Jagdtechniken zum Fangen von Seesäugern verbesserte sich, was dazu führte, dass
sich kleine Ortschaften an der Küste ansiedelten. Für die Rentierjagd und zum
Saiblingfang wurden Inlandwohnplätze verwendet. Die Häuser dieser Wohnplätze
waren aus Stein und Grassoden - wie spätere Inuit-Häuser - errichtet worden und
verfügten über einen Eingangstunnel, der die Kälte nicht in die Behausung
eindringen ließ.
Ende des 12. Jahrhundert wanderten zahlreiche Gruppen in das nördliche
Westgrönland. Gegen Mitte des 14. Jahrhunderts wurde die Region der heutigen
Hauptstadt Huuk erreicht, ein Siedlungsgebiet der Skandinavier. Die Skandinavier lebten
bereits seit dem Ende des 10. Jahrhunderts an der südlichen Westküste. Als die
Thule-Leute Huuk erreichten, wanderten die Skandinavier aus. Jedoch kann man nicht
hundertprozentig feststellen, ob die Thule-Leute eine Zeit lang mit den Skandinaviern
zusammenlebten. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts sind eskimoische Gruppen in
Südgrönland angekommen, wo die letzten Skandinavier noch lebten. Ein Zusammenhang
zwischen dem Untergang der skandinavischen Siedlungen und der Ankunft der Thule-Leute
läßt sich nicht nachweisen. Einige Thule-Leute verließen das Thule-Gebiet
und siedelten sich an der Küste Nordgrönlands an. Ob bereits im 13. Jahrhundert
die ersten Thule-Leute auswanderten, ist nicht bekannt, jedoch über die Wanderungen
im 15. Jahrhundert gibt es gesicherte Erkenntnisse. Die neoeskimoischen Wanderungen
erreichten im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Zu Beginn der Kleinen Eiszeit um 1600
nahm die Bevölkerung wieder ab. Im 19. Jahrhundert waren nur Westgrönland, das
Thule-Territorium und das Gebiet von Ammassalik an der Ostküste noch bewohnt. Die
Nuulliit-Phase wurde im 13. Jahrhundert von der Inussuk-Phase - benannt nach Fundort im
Norden Westgrönland - abgelöst. Die Weiterentwicklung der frühen
Thule-Kultur könnte durch Kontakte mit Skandinaviern in Zusammenhang stehen, da an
den Inussuk-Fundorten zahlreiche Gegenstände der Skandinavier entdeckt wurden. Jedoch
konnten die Kontakte zu den Skandinaviern die Lebensweise der Inuit nicht spürbar
verändern.
Die Inussuk-Phase unterscheidet sich kaum von der vergangenen Nuulliit-Phase, steht aber
mit der Südwanderung wegen der Anpassung an milderes Klima in Verbindung. |